Unterwegs im Tessin

Marianne Schälchli

In Fachbüchern ist zu lesen, auf welche Kluftanzeichen bei der Kristallsuche zu achten ist. Quer laufende Quarzbänder, Sätze, ausgelaugtes Nebengestein, Boudinagen, etc. Aber in keinem Buch steht, dass man einem kleinen, nur zwei Zentimeter grossen Quärzchen, das unter einem Grasbüschel hervorschaut, besondere Beachtung schenken sollte.

Cavagnolo, 13. Juli 2005: Ein Traumtag. Nochmals steige ich hinauf zu der kleinen Kluft, die ich vor zehn Tagen gefunden hatte. Wer weiss, vielleicht gibt es in diesem Hang ja noch mehr! So suche ich etwas herum und finde tatsächlich noch drei kleine Klüfte mit ebenso kleinen Kristallen. Dann packe ich zusammen und quere den anschliessenden mit kleinen Felsen und Steinen durchsetzten Grashang. Dabei leuchtet mir unter einem Grasbüschel etwas Kleines, Glänzendes entgegen. Es ist ein kaum zwei Zentimeter grosses Spitzchen, doch kann ich es nicht aufheben, denn es steckt fest. Mit dem Finger kratze ich etwas Erde weg und entdecke ein zweites, kleines Kriställchen daneben. Der Grasbüschel muss weg! Der Pickel erledigt seine Arbeit und zum Vorschein kommt ein grosser Schieferstein, den ich zur Seite lege. Nun erkenne ich, dass die zwei Spitzen auf einem faustgrossen Stein sitzen. Ich ziehe ihn heraus, drehe ihn um und habe gleich eine Stufe mit weiteren Kristallen darauf in der Hand.

Quarzstufe 8 x 6 cm


 Also weiterhacken! Die Erde wird schon bald rostig braun und zwischendurch gibt es die ersten rostigen Steinchen. Dann kommt plötzlich ein verfressenes Adularstüfchen. Also muss ich den Rucksack doch abziehen. Die Stufen mit Quarz und Adular werden grösser und in etwa siebzig Zentimeter Tiefe stosse ich dann auf ein dickes Quarzband, das von aussen nicht zu sehen war. Eine grössere Quarzstufe löst sich leider in die einzelnen Spitzen auf, doch freue ich mich riesig über ein paar schöne Quarze und die wilden Adularstufen. Mit vollem Rucksack steige ich ab. Zur Abwechslung war es einmal Weihnachten im Sommer.

Strahlerin im Glück


Meine ersten winzig kleinen Kristalle fand ich als neunjähriges Mädchen nach einem langen Aufstieg auf dem Gipfel des Torrenthorns. Ich habe diesen Schatz lange gehütet, bis er dann irgendwann einmal verloren ging. Solange ich denken kann, habe ich immer nach schönen Steinen Ausschau gehalten. Als ich dann Jahre später mit meinem Freund und zukünftigen Mann eine Ferienwoche im Binntal verbrachte, haben wir täglich nach Mineralien gesucht. Trotzdem vergingen noch ein paar weitere Jahre bis wir mit Strahlen begannen. Zuerst versuchten wir unser Glück im Tujetsch, standen aber als Anfänger dem harten Gestein rat- und machtlos gegenüber. So wechselten wir auf Anraten unseres Arbeitskollegen Hermann ins "bündnerschieferweiche" Tessin. Dort stiegen wir in den zwei bekanntesten Seitentälern des Bedrettotales auf und ab. Dabei verliefen diese Touren immer gleich. Mein Mann stieg voraus, ich hinterher. Wo er stehen blieb, blieb auch ich stehen. Wo er arbeitete, setzte ich mich daneben oder hackte etwas in allernächster Umgebung herum. Gefunden habe ich so kaum etwas und Strahlen habe ich dabei auch nicht recht gelernt. Doch mit der Zeit habe ich die beiden Täler, Cristallina und Valleggia sehr gut kennen gelernt, sodass irgendwann der Gedanke kam auch einmal alleine strahlen zu gehen. Das war nun eine ganz andere Erfahrung. Nun war ich plötzlich für mich allein verantwortlich. Ich musste meinen Weg selber wählen, musste selbst entscheiden, ob ich ein Schneefeld überqueren oder umgehen soll.

Unterwegs im Bedrettogebiet

Ich konnte stehen bleiben, wo und wann ich wollte, konnte arbeiten solange es mir passte, und vor allem war ich auch einmal zuerst bei einem Quarzband! Ich habe an diesem ersten Solotag nichts Aufsehen erregendes gefunden, aber die Bestätigung erhalten, dass ich sehr wohl auch allein zurecht komme. So unternahm ich anfänglich allein drei bis fünf Strahlertouren pro Jahr, war aber immer noch mehrheitlich mit meinem Mann unterwegs. Dies änderte sich, als unsere Kinder grösser und selbstständiger wurden. Ich fahre, wenn es geht, nicht nur für einen einzelnen Tag ins Bedretto, sondern bleibe gleich zwei bis drei Tage dort. In letzter Zeit waren es auch schon fünf bis sechs Tage, an denen ich hintereinander unterwegs war auf der Suche nach den verborgenen Schätzen. Auch habe ich immer wieder Touren in mir unbekannte Gegenden unternommen. Dabei standen nicht immer die Kristalle im Vordergrund, sondern das Kennenlernen eines neuen Gebietes. Manchmal finde ich etwas, oft auch nicht und ich bin mir bewusst, dass meine Funde im Vergleich mit jenen meiner Strahlerkollegen eher bescheiden sind. Zudem habe ich gemerkt, dass ich ganz anders strahle als sie. Ich mag die grossen, harten, von weit her sichtbaren Quarzknubbel nicht. Mir fehlt die Geduld, stundenlang zu hämmern, ohne die Gewissheit zu haben, dass tatsächlich eine Kluft kommt. Einige meiner schönsten Klüfte öffneten sich schon nach wenigen Pickelschlägen. So habe ich es eigentlich am liebsten.

Ein erfolgreicher Tag

Cavagnolo, 29. September 2004: Ich war schon auf dem Weg ins Val Ruino, doch irgendetwas zwang mich umzukehren und ins Val Cavagnolo zu gehen. Nicht ins Assassinavache, wie mir ein Tessiner Strahler geraten hatte, sondern ganz nach hinten zu den Felsen. Diesen Tipp hatte er mir schon vor zwei Jahren gegeben, doch bisher habe ich den Mut dazu nicht aufgebracht. Heute suchte ich also den Weg dort hinauf und brauchte viel Zeit dafür. Schnee hatte es kaum mehr. Im Fundgebiet angekommen, stieg ich gegen eine Rinne hoch und traf auf ein grossen mürbes Quarzband. Nach einer halben Stunde vergeblicher Hackerei gab ich es auf. Keine Flächen, keine Kristallanzeichen - du kannst mir mal! Ein wenig später fand ich unterhalb der Felswand ein paar Calcitbruchstücke im Schutt und entdeckte bei einem Blick nach oben eine ganz kleine Öffnung im Fels. Gerade so hoch, dass ich sie mit meinen bescheidenen Kletterkünsten erreichen konnte. Die Öffnung war so klein, dass ich mit der Hand nicht hinein greifen konnte, doch liess sich auf der rechten Seite eine Stufe erkennen. Ein etwa 6.5 cm grosser Kristall war umgeben von kleinen Spitzen. Es sah aus, wie Schneewittchen mit den sieben Zwergen.

Öffnet sich eine Kluft?

Zwanzig Minuten später war die Öffnung gross genug, dass ich die Stufe herauslösen konnte. Leider war Schneewittchen alles andere als märchenhaft schön. Die Spitze war nicht ganz ausgebildet und klar war der Kristall auch nicht. Da es erst 15 Uhr war, wollte ich noch nicht absteigen. Ich folgte weiter dem Fuss der Wand und entdeckte etwa auf Kniehöhe ein Hauch von Quarz. Wie Puderzucker auf einem Stück Kuchen, von Quarzband keine Rede. Mit dem Strahlstock löste ich die darunter hängende Schieferplatte und kippte sie vor meinen Füssen auf den Schutt. Dahinter kam ein verborgenes Quarzband zum Vorschein. Ein paar Pickelschläge genügten und schon wurde es "scherblig". Es waren noch keine fünf Minuten vergangen und ich zog einen gut zwei Kilogramm schweren Quarz heraus. Leider war eine grosse Rhomboederfläche abgebrochen. Diese steckte noch daneben in der Kluft. Beide Teile waren zwar gut verheilt, aber die Schönheit des dicken bulligen Kristalls hatte doch etwas zu sehr gelitten. Schade! Zum Glück kam nur ein paar Momente später nochmals ein gleich grosser Kristall heraus und der war unversehrt. Nun folgten weitere kleinere Spitzen: ganze, halbe, zerbrochene, trübe. Alles was es halt in Klüften so haben kann. Und zuletzt, ganz unten im grauschwarzen Lehm, gab es noch Calcite. Sie waren in dicken Lehmklumpen drin. Hätte ich gewusst, wie schön sie nach dem Waschen sind, hätte ich nicht nur ein paar wenige eingepackt. Dann aber war auch diese Kluft viel zu schnell leer. Eine Freude war's trotzdem.

Tessinerquarz aus dem Val Cavagnolo, Höhe der Stufe 14 cm

Äusserst selten gibt es für mich so volle Rucksäcke. Meistens komme ich nur mit ein paar Hosensackspitzen herunter. Darum habe ich auch schon daran gedacht das Gebiet zu wechseln. So habe ich an einer Exkursion ins Urnerland teilgenommen und durfte auch einmal einen Strahlerkollegen ins Rhonegletschergebiet begleiten. Die grossen (aufgesprengten?) Klüfte und die selbst gezimmerte Hütte mit den deponierten Bohrmaschinen haben mir aber doch bewusst gemacht, dass ich im Tessin schon am rechten Ort bin. Eine Kluft am Galenstock finden ist ja das eine, sie aber allein öffnen, etwas ganz anderes. Darum halte ich den Tessinerquarzen die Treue. Sie gefallen mir. Sie sind schief und schräg gewachsen, halten sich scheinbar an keine Gesetze und von parallelen Seiten haben sie noch nie etwas gehört. Die Rhomboederflächen sind manchmal gross, dann wieder so klein, dass man sie kaum sieht. Es gibt dicke, bullige Quarze, lange schlanke Bleistiftspitzen oder so platt gedrückte wie Fensterscheiben. Sie können höchstes Entzücken oder grosse Enttäuschung auslösen, vor allem dann, wenn sie trüb oder zerbrochen sind. Wild, eigensinnig, unberechenbar - aber immer faszinierend.

Quarzstufe 6 x 5 cm

Auch wenn es für mich immer schwieriger wird etwas zu finden, geniesse ich jeden Tag in den Bergen. Strahlen heisst für mich eben auch unterwegs sein. Dabei finde ich wunderschöne, seltene Alpenblumen, sehe Tiere und geniesse die Stille und Einsamkeit je höher ich steige. Auch wenn ich keine Kluft finde, kehre ich doch jedes Mal um eine Erinnerung und Erfahrung reicher zurück.

Alpine Flora

Val Valleggia, 10. August 2004: Es war nicht gerade schönes Wetter, als ich die Bächlirinne hochstieg. Doch es war trocken und von Regen hatte der Wetterbericht nichts gesagt. Oberhalb der Rinne folgte ich den Felsen bis ich kurz vor dem Übergang ins Val Piana auf einen grossen Quarzknubbel traf. Er war schon bearbeitet worden und ein kleines Loch war leer. Etwa drei Meter links davon sah ich in der Wand ein 5 mal 20 Zentimeter grosses Quarzbändchen. Ich schlug mit dem Pickel hinein. Es löste sich und dazu noch ein paar Schieferstücke. Dahinter kam noch mehr brüchiger Quarz hervor. Kurz darauf öffnete sich ein Riss und schon bald konnte ich ein paar Kristalle herausnehmen. Ich grub weiter in die Tiefe und nun kamen die Adularstufen. Das ging eine ganze Weile so, bis die Kluft so tief war, dass es mühsam war weiter zu arbeiten.

Adularstufe, bergfrisch. Grösse 14 x 8 cm

Es war Zeit für ein Pause. Erst jetzt merkte ich, dass sich das Wetter verschlechtert hatte. Ich sass im dichtesten, feuchtesten Nebel, den man sich vorstellen kann. Alles war nass rundherum. Die Feuchtigkeit war auch unmerklich durch alle Kleiderschichten durchgedrungen. Es war kühler geworden und ich fröstelte. Hier konnte ich unmöglich länger bleiben. Auch war der Adularhaufen so gross, dass er längst den ganzen Rucksack füllen würde. So gut es ging, packte ich alles ins ebenso feuchte Zeitungspapier. Bevor ich abstieg, hielt ich noch einen Moment inne. Ich stand hier oben auf knapp 2400 Meter über Meer im dichtesten Nebel. Es umgab mich eine unendliche Stille und Einsamkeit. Trotzdem fühlte ich mich darin geborgen.

Adularkluft im Valleggia TI

Dann stieg ich sorgfältig in der Falllinie ab, denn so würde ich problemlos den Einstieg in die Bächlisrinne finden. Unterhalb der Rinne musste ich den Wiesenhang schräg queren. Das Gras war kniehoch und triefend nass. Innert kürzester Zeit hatte ich nun auch noch ein Schwimmbad in den Schuhen. Was soll's? Ich war glücklich, hatte einen Rucksack voll Adularstufen und in einer guten Stunde würde ich beim Auto mit den trockenen Kleidern ankommen. Dann gab's nur noch eins: Cappuccino in All'Acqua.

An der Adularkluft im Vallegia TI

Sechs Wochen später stieg ich mit meinem Mann nochmals zur Adularkluft auf. Er arbeitete weiter in die Tiefe und holte nochmals einen Rucksack voll Stufen heraus. Ich stieg unterdessen ins Val Piana hinüber und fand eine Kluft mit lauter Scherben. Die wenigen Kluftrandstufen mit winzigen Adularen und Quärzchen darauf waren nichts für die Vitrine. Ich buchte sie unter "Micromounts" ab und liess den grössten Teil liegen. Früh stiegen wir ab und beschlossen den Tag bei einem Kaffee auf der sonnigen Terrasse in All'Acqua.

An der Arbeit im Val Cavagnolo

Ich werde oft gefragt, ob ich denn keine Angst hätte so alleine unterwegs zu sein. Nein, habe ich nicht, sonst würde ich ja nicht gehen. Ich bemühe mich aber keine Risiken einzugehen. Fühle ich mich unsicher, kehre ich um. Unbekannte Gletscher überquere ich nicht allein. Dennoch bin ich mir bewusst, dass es Dinge gibt im Leben und beim Strahlen, die man nicht beeinflussen kann. Steinschlag, zum Beispiel, gibt es nicht nur im Bedretto, sondern bekanntlich auch auf der A2 bei Gurtnellen! Darum bin ich Gott, meinem Schöpfer dankbar für jeden Tag, an dem ich heil unten ankomme.
Die Saison 2007 ist vorbei. Das launige Wetter hat leider manch geplante Strahlertour vereitelt. Dennoch zeugt ein gutes Dutzend neuer Kristalle in der Vitrine davon, dass es keinen Grund zum Klagen gibt. In den langen Wintermonaten führe ich nun mein sechstes Strahlertagebuch nach. Die Berichte ergänze ich mit Fotos und Zeichnungen. Sollte die Sehnsucht nach den Bergen zu gross werden, gehe ich nach Airolo und fahre einen Tag Ski. Auf dem Lift betrachte ich die umliegenden Berge, träume und schmiede Pläne fürs nächste Jahr. Bis bald - ci vediamo.

Dieser Erlebnisbericht wurde in der Zeitschrift "Schweizer Strahler" 02/2008 publiziert. Veröffentlichung mit freundlicher Erlaubnis der Verfasserin