"Himbeeroti"

Auf den Spuren des Vaters in der Göscheneralp

Thomas Krauer Fischenthal ZH

Es ist nun schon ein halbes Jahrzehnt vergangen, seit mein Vater in seinen besten Jahren an einem Herzinfarkt verstorben ist. Das Eigenartige ist, dass die Erinnerung allgemein zwar anfängt zu verblassen, jedoch einige Erlebnisse unserer gemeinsamen Strahlertouren immer noch sehr präsent sind. Auch bekommen sie eine Bedeutung, die ich nicht geahnt hätte.

Diese Erlebnisse sind manchmal wie ein Ort, an den man gedanklich gerne zurückkehren und dabei Abstand zum hektischen Alltag gewinnen kann.

An die Gescjichte mit den "Himbeeroten" denke ich immer wieder gerne mit einem Schmunzeln zurück.

Es handelt sich hierbei um einen Fund, der 40 Jahre zurückliegt.

Mit unerschütterlicher Regelmässigkeit erzählte mein Vater im Kreise Gleichgesinnter immer wieder die Geschichte von der Kluft, die er anfangs der 60er Jahre mit drei Bristener Strahlern am Dammagletscher entdeckte.

Neben hellen Rauchquarzen wurden Rosafluorite gefunden, die sich dann zu vorgerückter Stunde in seine Erinnerung immer mehr in "Himbeerrote" verwandelten.Jedoch wurden die schönsten Stücke (und auch diese Pointe erzählte er immer wieder) an der Altdorfer Mineralienbörse für 80 bzw. 120 Franken "vertschuttet".

Nun hat mein Vater unter Anderem auch einige Dias hinterlassen, eigentliche Dokumente

Dieser vergangenen Strahlerzeit.

Dammahütte 1965

Im September 2005 unternahmen zwei Strahlerkollegen, Heinz und Beppi, mit mir eine Erkundungstour in dieses Gebiet, das mir anhand der alten Fotos ja schon etwas vertraut war.

Was wir dabei erlebten, möchte ich im Folgenden berichten.

Der Aufstieg zur Dammahütte gestaltet sich erwartungsgemäss als nicht schwierige Wanderung, immer in Richtung des Dammagletschers, der majestätisch die Berge vor uns umgibt. Auf der Höhe der ehemaligen Gletscherzunge geht es dann etwas steiler bergan hinauf zur Dammahütte.

Dammahütte 2005

Sepp, der Hüttenwart empfängt uns mit kritisch-musterndem Blick und der Frage "So, wänd

är ga grüblä? Anscheinend erkennt sein geübtes Auge uns Strahler auf zweihundert Meter Entfernung.

Am nächsten morgen geht's dann los, dem vermuteten Fundgebiet entgegen.Besondere Aufmerksamkeit erregen die mächtigen, abgeschliffenen Granitbuckel nahe am Gletscherrand. Allgemein scheint es aber ein relativ "trockenes" Gebiet zu sein.

Während des suchens gehen mir Bilder und Erinnerungen durch den Kopf.

.Ich erinnere mich wie auf mehrmahliges drängen meinerseits, es doch einmal am Dammagletscher zu versuchen, der Vater antwortete: "Muesch nöd vil erwarte, i dem Gebiet häts nöd mängi Kluft." Als er meinen enttäuschten Gesichtsausdruck sah, fügte er aber der Motivation halber an:" defür chönnts ämal ä grossi haa!"

Dammagletscher 2005

Wo mag die Fundstelle des Vaters wohl gelegen sein? Wären noch Reste der Kluft zu sehen, oder hat die Natur bereits ihr Terrain zurückerobert?

Tatsächlich entdecke ich nach einiger Zeit einen Felsaufschluss, der von weitem betrachtet etwas "bankig" erscheint, als ich nun näher davor stehe, muss ich einsehen dass ich nicht den Mut habe alleine und ohne Steigeisen über die paar dutzend Meter zerrissenes Eis zu gehen, um zu dieser vielversprechenden Stelle zu gelangen.

Also suche ich die Felsen unterhalb des Eises ab und entdecke eine Stelle mit etwas kristallisiertem, leicht braunem Quarzband vor mir.

Die ganze Sache sieht zwar nicht gerade nach einer reifen, und schon gar nicht einer grossen Kluft aus, aber immerhin könnte man sich hier etwas verweilen. Also wird erst einmal der Rucksack abgezogen und sondiert. Nach ein paar Hammerschlägen kommt aber irgendwie das Gefühl auf, dass dieser harte, fast vollständig mit Quarz gefüllte Spalt doch nicht alles gewesen sein könnte. So wird die nächste Umgebung abgesucht. Kaum zehn Meter entfernt entdecke ich einen kleinen offenen Spalt.

Na ja, wenigstens hat es einen Hohlraum denke ich, und greife mit der Hand hinein.

Vom Kluftboden kann ich tatsächlich ein kleines Gwindel herausklauben.

Nun steigt der Blutduck aber beträchtlich. Schnell ist der Grübler zur Hand und das nächste Stück dass ich in der Hand halte, lässt auch auch nach das Herz rasen.. Es ist ein makelloser, Kinderfaustgrosser Rosafluorit!

Schöne Überrraschung!

Nun schnell das Funkgerät zur Hand: "Himbeerroti!" heisst die kurze Botschaft.

Heinz und Beppi glauben an einen Scherz; trotzdem kommen sie sie in Rekordzeit von der Moräne her aufgestiegen.

Vor lauter Aufregung nicht mehr fähig, einen Meissel gerade zu halten, bin ich erleichtert, die beiden erfahrenen Strahler zur Seite zu haben. Nun wird mit vereinten Kräften dem Fels zuleibe gerückt.

Es finden sich noch einige kleinere Stücke von Rosafluorit, ausserdem eine handvoll brauchbarer Spitzen und Gwindel.

Am Abend wird der Fund in der gemütlichen Hütte gebührend gefeiert. Anfangs wollen wir uns noch nicht zuviel anmerken lassen, aber nach ein paar Gläsern "Rotem" bekommen unsere Gesichter langsam auch eine entsprechende Farbe.

Zu vorgerückter Stunde können wir unsere Freude vor unseren Tischgenossen- und Genossinnen nur noch schwer verbergen. Also wird dann doch noch, begleitet von Strahlergeschichten aus Heinz' 40jähriger Strahlerzeit, das schönste Stück aus dem Rucksack hervorgeholt.

Und natürlich erzähle ich auch die Geschichte von der Kluft meines Vaters vor über 40 Jahren und den sagenhaften "Himbeerroten".

So schliesst sich der Kreis.

Dieser Erlebnisbericht wurde in der Zeitschrift  "Mineralienfreund" Ausgabe 04 / 2006 publiziert.


Mein Anziehungspunkt - die Göscheneralp

Heinz Wahrenberger Stäfa ZH

Die Göscheneralp hatte für mich schon eine gewisse Anziehungskraft, als ich noch nichts von Mineralien wusste. Ursprünglich war es die herrliche Bergwelt mit der imposanten Kulisse der Dammakette, die mich faszinierte, sowie die umliegenden SAC-Hütten, die zum wunderbaren Bergwandern einluden. Später war es nebst den Kristallen eine Serviertochter im Berggasthaus, die mich immer wieder in die Gegend lockte. Heute sind wir bereits zehn Jahre verheiratet, und ich darf wohl sagen, dass ich damals meinen schönsten und grössten Fund gemacht habe. Meiner Frau verdanke ich auch einen schönen Rauchquarzfund.

Dammagletscher Mitte der 1970 er Jahre

Es begann 1974 auf einer Bergtour, als sie am Lochberg eine besonders schöne Stelle für unsere Mittagsrast fand. Da sie mich früher schon einmal auf diese Art zu einer Kluft geführt hatte, suchte ich auch hier die Umgebung ab. In einer alten Kluft fand ich dann auch unter Moosbedeckung einen 600 Gramm schweren Pyritkristall.

Erst zwei Jahre später besuchte ich diese Stelle wieder, in der Hoffnung, dass ich weiter hinten noch etwas finden könne. Nach mehrstündiger Spitzarbeit, auf dem Bauch liegend, war es endlich soweit - ein Hohlraum öffnete sich. Ein sorgfältiger Griff hinein und ich wusste, dass mich mein Gefühl nicht getäuscht hatte. Im Schein der Taschenlampe erkannte ich, dass die Decke über grosse Fläche leer war, die Natur hatte hier schon Vorarbeit geleistet. Die Rauchquarze lagen alle auf dem Kluftboden im Chlorit eingebettet.

Blick in die Kluft

In der Folge war es ein herrliches Gefühl, so hineinzugreifen und ein Stück nach dem anderen ans Tageslicht zu befördern. Selten hatte ich meinen Rucksack so schnell gefüllt. Der Anfang war vielversprechend, war doch bereits auch schon ein Gwindel dabei.

Schöne Auslegeordnung

Leider war die Natur nicht der sorgfältigste Strahler, und manche Spitzen oder Kanten zeigten nach dem Waschen Schönheitsfehler. Die Hauptsache aber war, dass ich wieder eine Kluft hatte, wo ich meine freien Samstage verbringen und dem schönen Hobby frönen konnte. Am Sonntag vergnügte ich mich jeweils vor dem Haus mit dem Reinigen der Fundstücke, und wie es dann eben so ist, interessieren sich auch Nachbarn für meine Tätigkeit. In Bruno, meinem neuen Nachbarn, fand ich dann auch einen Begleiter, der mit Rat und Tat bei der weiteren Bearbeitung der Kluft geholfen hat.

Die Rauchquarz - Kluft am Lochberg

Blauberg

Rauchquarz - Gwindel aus der Lochberg - Kluft.  (Sammlung und Foto: H. Wahrenberger)


Dass uns diese Kluft vier Jahre beschäftigen würde, dachte wohl keiner von uns. Um an die ersten Stufen zu gelangen, mussten wir einige Tage Schwerarbeit verrichten. Weil die Kluft am Anfang nur ca. 20 cm hach war, bearbeiteten wir den Boden, um etwas Höhe zu gewinnen. Die Kristalle am Boden waren in hartem Chloritsand eingepackt und nur wenige waren brauchbar. Die schönsten Stufen an der Decke waren fest mit dem Gestein verwachsen. So kam schliesslich der Tag, an dem die Spaltkeile keine Risse mehr fanden. Mit herkömmlichen Mitteln war also nicht mehr ans Ziel zu kommen. Ich löste für die nächsten zwei Jahre ein Sprengpatent. Wir versuchten in kleinen Schritten zu den Stufen zu gelangen. Mit Kreuzmeisseln schlugen wir ca. 15 cm tiefe Löcher in den Fels. Mit ein wenig Sprengstoff rissen wir den Fels an und konnten so Stufe für Stufe lösen. Im Jahre 1979 liefen Decke und Boden immer mehr zusammen und das Ende der Kluft war erreicht. Ausgebeutet ist die Kluft heute 5 Meter tief. Vier Jahre Arbeit, mit viel Mühe und Schweiss, liegen hinter uns. Die zerschundenen Finger sind längst verheilt, die geschwollenen Handrücken vergessen, und wir freuen uns täglich an den schönen Stufen in unseren Sammlungen. Die ganze Ausbeute umfasste diverse Einzelspitzen sowie 7 Gwindel, wovon zwei auf Muttergestein aufgewachsen sind. Diverse Stüfchen und Stufen, die grösste mit 35 x 20 cm, konnten noch geborgen werden. Als Begleitmineral war wenig Adular anzutreffen. Auf einem einzelnen Stüfchen fand ich einige chloritisierte Milarite mit einer Länge von 5 mm.

Super Stufe

Sicher hätte ein Profi kaum Interesse an unserer Kluft gezeigt und er wäre dabei auch nicht reich geworden. Wir aber wurden durch schöne Erlebnisse in der herrlichen Bergweltgenügend entschädigt. Auch die diversen zerbrochenen Hammerstiele, Keile und Spitzeisen können wir verschmerzen, mit Verlust muss eben gerechnet werden. Was mich persönlich aber etwas traurig stimmt, ist der Verlust eines Biwakzeltes, das mir wahrscheinlich ein «lieber Kollege» aus dem Versteck entwendet hat. In der langen Zeit wurde unsere Kluft nur einmal von einem fremden Strahler bearbeitet. Diesem «Strahlerfeund» vom Vierwaldstättersee (er hat sogar eine Visitenkarte zurückgelassen), möchte ich noch danken, dass er uns die 50 kg schwere Stufe aus der Kluft geschafft hat. Für das nächste Mal möchte ich ihm doch noch einen Tipp geben! Er soll doch seinen Strahlstock wieder einmal zuspitzen, damit seine Abdrücke rund um die Kluft nicht sofort erkannt werden!

Dieser Erlebnisbericht wurde in der Zeitschrift "Mineralienfreund" Ausgabe 03 / 1983 publiziert. Veröffentlichung mit freundlicher Erlaubnis des Verfassers.